Demo am 12. Juli 2008
Astrid Mehmel
Gedenkstätte für die Bonner Opfer des Nationalsozialismus - An der Synagoge e.V.
- Es gilt das gesprochene Wort -
Im Namen der Gedenkstätte Bonn begrüße ich Sie und Euch und freue mich, dass Sie so zahlreich gekommen sind!
Die Gedenkstätte Bonn wird von einem breiten Spektrum von Organisationen und Institutionen getragen, darunter auch alle Parteien, die Fraktionsstatus im Bonner Rat haben.
Die Gedenkstätte Bonn dokumentiert Verfolgung, Leid und Ermordung der Bonner Opfer des Nationalsozialismus. Sie zeigt in ihrer Dauerausstellung die Willkür der NS-Diktatur und ihre Auswirkungen auf den Alltag, aber auch Versuche von Widerstand und organisierter Opposition in unserer Stadt.
Gleichzeitig ist die Gedenkstätte ein Ort des Erinnerns, der Dokumentation und der Begegnung. Vor allem jungen Menschen wird die Möglichkeit geboten, sich mit den Verbrechen des NS, der Wahrung von Menschenrechten und demokratischen Werten auseinander zu setzen.
Darüber hinaus wendet sich die Gedenkstätte mit ihrer politischen Bildungsarbeit gegen jede Form von Neonazimus, Antisemitismus, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit.
Vor diesem Hintergrund war es für die Gedenkstätte selbstverständlich, dem Aktionsbündnis »Kein Fußbreit den Faschisten« beizutreten. Für uns ist es unerträglich, dass Neonazis hier und heute für das eintreten, was sie »ihre Meinungsfreiheit« nennen; - eine Meinungsfreiheit, die sie für ihre menschenverachtenden Texte und ihre rechtsradikale Ideologie fordern.
Ich möchte daran erinnern, dass die Nationalsozialisten auch in unserer Stadt Bonn von der Machtübernahme 1933 systematisch jegliche politische Opposition ausgeschaltet und Menschen, die sich ihnen entgegengestellt haben, radikal verfolgt, vertrieben und ermordet haben.
Allein aus Bonn wurden fast 1200 Menschen ermordet oder mussten aufgrund des NS-Terrors sterben. Es gab viele Hundert weitere verfolgte, vertriebene, in Gefängnissen und KZs inhaftierte, gefolterte und ihrer Rechte beraubte Menschen. Wenn ich hier Namen nenne, stehen diese Menschen jeweils stellvertretend für allī die Anderen.
Sozialdemokraten: Hubert Peter (1902 - 1992)
Kommunisten: Otto Renois (1892 - 1933), der erste politische Mord in Bonn seitens der Nationalsozialisten auf offener Straße; Fritz Faust (USPD später KPD/1880-1939), zu Tode gefoltert bei der Gestapo Bonn;
Gewerkschafter: der christliche Gewerkschafter Heinrich Körner (1892-1945)
Jugendopposition: Karl Gutzmer (1924-2007), der mit 14 Jahren vom Volksgerichtshof zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde;
Hunderte von Menschen, die zwangssterilisiert und/oder und aus den Bonner Kliniken in Todeskliniken gebracht und im Euthanasie-Programm der Nazis ermordet wurden.
Aus den jüdischen Gemeinden Bonn, Beuel und Bad Godesberg wurden Hunderte von Menschen in der Shoah ermordet. Stellvertretend sei hier an Julius Erwin und Emilie Kober aus Beuel und Irmgard und Siegfried Winterberg erinnert. Siegfried Winterberg war Kantor der jüdischen Gemeinde Bonn. Erinnert sei an die mindestens 29 Bonner Kinder und Jugendlichen, die zusammen mit fast 1200 weiteren Menschen aus dem Rheinland vor fast genau 66 Jahren, im Juli 1942 in das von Deutschen besetzte Weißrussland nach Minsk deportiert und dort sofort ermordet wurden.
Sinti-Familien, Familie Franz Reinhardt, die bis auf ein Familienmitglied im KZ Sachsenhausen und im Warschauer Ghetto ermordet wurden;
Zeugen Jehovas;
Homosexuelle;
Menschen, die weil sie arbeitslos, alkoholkrank oderobdachlos waren, verfolgt wurden und in Gefängnissen und KZs inhaftiert und ermordet.
Nach Kriegsbeginn wurden aus allen von den Deutschen besetzten
Ländern 10.0000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter nach Bonn verschleppt.
Vor dem Hintergrund der grausamen, menschenverachtenden NS-Diktatur, die unermessliches Leid über Menschen in ganz Europa und der Welt gebracht hat, ist unser Grundgesetz entstanden - ich komme darauf gleich zurück.
Grußwort der Synagogen-Gemeinde:
»Im Namen der Synagogen Gemeinde Bonn und deren Vorsitzende Frau Dr. Traub, übermittele ich alle Wünsche für einen guten und friedlichen Verlauf dieser Demonstration. Die Synagogengemeinde unterstützt unser Aktionsbündnis. Es kann heute hier keine Vertreterin sprechen, weil die Ruhe des Schabbat respektiert wird. Eine Demonstration, wie die der Neonazis hier und heute, setzt die Mitglieder der Synagogengemeinde in Angst und Schrecken. Dass es in Deutschland Menschen gibt,
die an diese Ideologie glauben und für sie öffentlich demonstrieren können, ist auch für die Jüdinnen und Juden Bonns unerträglich. Als ob es nicht bedrückend genug ist, dass jeden Tag alle jüdischen Gemeinden und Einrichtungen in Deutschland von der Polizei vor Übergriffen von Neoazis und rechtsextremer Gewalt geschützt werden.«
Abschließend möchte ich betonen, dass nicht allein die Synagogengemeinde Bonn und die Gedenkstätte Bonn Wächter und Mahner sein können. Die Würde des Menschen ist unantastbar! Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt und von uns allen! Das deutsche Volk bekennt sich zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt. Wenn Ihnen das jetzt irgendwie bekannt vorkam: das sind die ersten beiden Paragraphen des Grundgesetzes.
Es ist die Aufgabe von uns allen sich einzusetzen. Denn die Geschichte zeigt deutlich: Das erste was die Neonazis machen würden, wenn sie an der Macht wären, wäre, uns allen die Meinungsfreiheit wegnehmen, für die sie sich heute hier angeblich einsetzen. Dass das nie wieder geschieht, dafür stehen wir heute hier und dafür müssen wir uns alle einsetzen.
Bonn, den 12. Juli 2008
Astrid Mehmel
Gedenkstätte für die Bonner Opfer des Nationalsozialismus - An der Synagoge e.V., Franziskanerstr. 9, 53115 Bonn, eMail: gedenkstaette-bonn (at) netcologne.de
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